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22.04.2004

 

AUTOFASTEN 2005 vom 20. Februar bis 20. März: Heilsam in Bewegung kommen

Die Bistümer Trier, Mainz und Limburg, die Evangelischen Kirchen im Rheinland, in Hessen-Nassau und in der Pfalz laden für die Fastenzeit gemeinsam mit der Katholischen und der Protestantischen Kirche in Luxemburg zum AUTOFASTEN ein. Unterstützt wird die Aktion durch die Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland Pfalz, das Ministerium für Umwelt des Saarlandes, die Ministerien für Verkehr und Umwelt des Großherzogtums Luxemburg sowie Verkehrsverbünde, Verkehrsunternehmen, Fahrradverleiher, Car-Sharing Unternehmen, dem Bund Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND), dem Mouvement écologique, dem Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC), VELO mobil und dem Verkehrsclub Deutschland (VCD).


Hierzu hat Ulrich Mohr am 09. 02. 2005 in Speyer folgende Rede gehalten:
 

"Anrede, ...

„Ihr werdet sein wie Gott“, das zischte der Versucher in Gestalt der Schlange einst den ersten Menschen ins Ohr. Seitdem ist es eine sich immer wieder erneuernde Verlockung für Menschen, Gottgleichheit zu erlangen, d. h. allmächtig und vor allem allgegenwärtig sein zu können, also Souveränität zu besitzen über Raum und Zeit; möglichst zeitnah an möglichst vielen, möglichst weit auseinander liegenden Orten zu sein.

Man darf daher fragen, ob dieser alttestamentarische Mythos  von der Verführbarkeit der Menschen nicht auch den Wunsch heutiger Menschen nach grenzenloser Mobilität ein wenig miterklärt. Ob Angebote, die der technische Fortschritt zur Verfügung stellt, unser Verhalten nicht immer wieder aus dem Ruder laufen lassen, zweckbestimmtes Handeln zu suchtbestimmtem Handeln werden lassen, ursprünglich Vernünftiges in Unvernunft umkippen lassen?

 

Und vor allem ist immer wieder neu zu fragen, wo die Vernunftgrenze liegt zwischen sachlich gebotener Beweglichkeit und dem selbst zerstörerischen Rauschgefühl, das die Vehikel des modernen Individualverkehrs auch vermitteln können.

 

Weiter ist zu fragen: Dürfen wir im heute erreichten Entwicklungsstand den Tanz ums goldene Kalb, besser gesagt: um die vergoldete Karosserie, besinnungslos mitmachen  -  oder ist es längst an der Zeit, sich auf die Bibelstelle zu besinnen, die Luther ungenau mit „tuet Buße!“ übersetzt hat und die eigentlich bedeutet: „denket um!“ (metanoeite).

 

Dieses „Umdenken“ entspricht eben genau dem, was die Kirchen in ihrem Flyer zum Autofasten mit den Vokabeln „nachdenken“ und „überprüfen“ sagen wollen: „Nachdenken“ nämlich „über den eigenen Lebensstil“ und „überprüfen“ nämlich unseres „Auto-Alltags“.

 

Damit trifft sich die Absicht dieser immer erfolgreicheren Aktion „Autofasten“ mit den Bestrebungen der Umweltbewegung. Es geht nicht einfach um „Verzicht“, wie teilweise in den Medien zu lesen war. Es geht nicht um die Erstarrung in einem Anti-Auto-Fundamentalismus. Es geht lediglich um ein Mehr an Rationalität im Umgang mit dem „Entfernungsüberwindungsutensil“ Auto. Wir sind nicht Johannes der Täufer, wir gehen nicht im härenen Gewand und wir ernähren uns für gewöhnlich auch nicht von Heuschrecken. Wir sind keine Verzichtsapostel.

 

Aber: Es gibt viele und gute Gründe zu anhaltender und nachhaltiger Nachdenklichkeit über unseren fahrbaren Untersatz  - privat und öffentlich.

 

Ca. 80 Millionen Deutsche besitzen und fahren annähernd 60 Millionen PKW. Die z. Zt. herrschende Globalisierungsphilosophie schwelgt in der Vorstellung, eine solche Autodichte weltweit durchsetzen zu können.
Hat eigentlich mal jemand einen Gedanken daran verschwendet, dass wir dann in ein paar Jahren mit nahezu 800 bis 900 Millionen
chinesischen PKW zu rechnen hätten?
Und wo etwa 700 Millionen
indische und weitere Millionen PKW herkommen sollen?
Und wo die
Rohstoffe für den Bau dieser Flotte noch aus dem Boden gekratzt werden können?
Und wie lange noch
Treibstoff für diese motorisierte Armada verfügbar sein wird?
Und ob es überhaupt sinnvoll und zukunftsfähig und wünschenswert ist, Mobilität der Menschen rund um den Globus in dieser Weise organisieren zu wollen?
Und was es für den Weltfrieden bedeuten mag, wenn überall Tankstellen aus der Erde sprießen sollen?
Was es für Natur und Landschaft bedeutet, wenn der Himalaya demnächst genau so für Transitverkehr hergerichtet werden soll wie unsere Alpen?
Und: Ob wir weltweit bald nur noch
bewegungsarme, dicke Kinder aufziehen wollen?
Und: Ob ein Verkehrsmittel, das weltweit bereits Todesopfer in Millionenhöhe gebracht hat, in Deutschland alleine durch erzeugte Feinstäube im Jahr nahezu 10.000 Todesfälle verursacht, weiterhin eher unkritisch gesehen werden darf.

 

Es ist angesichts solcher, beliebig gegriffener, Fragen schon eine gigantische Umdenk- und Nachdenk-Aufgabe, die allmählich unaufschiebbar wird und jetzt anzupacken ist. Und wir können den Kirchen sowie den ungefähr 30 unterstützenden Organisationen sowie den immer mehr werdenden Teilnehmern der Aktion Autofasten nur danken, dass sie diese Aufgabe anpacken wollen. Aber das Brett, das hier zu bohren ist, ist dick und schwer.

 

Denn: Alleine die uns zunehmend übergestülpten Strukturen fordern immer mehr Individualverkehr heraus. Die Zahl der Strecken, die von A nach B zurückzulegen sind, hat sich seit Jahrzehnten so gut wie nicht verändert, mächtig verändert jedoch hat sich die Länge der  zurückgelegten Strecken. Das hat seine Ursachen: Im Namen einer fragwürdigen Rationalität wird munter zentralisiert und ausgedünnt; vertraute Einrichtungen vor Ort verschwinden:

 

Wohnen, Arbeiten und Freizeit rücken immer weiter auseinander, Briefkästen und Postämter lösen sich in Nichts auf, Rathäuser und Bahnhöfe sind längst geschlossen; Schulen, ja Kirchen werden aufgegeben. Und kein Nahverkehrssystem steht meist zur Milderung dieses Kahlschlags in der Daseinsvorsorge entlastend zur Verfügung. Viele Stadtplaner und Kommunalpolitiker scheinen noch nie etwas von Planungsalternativen gehört zu haben; dass man autofreie Wohnviertel planen kann; dass jeder Bebauungsplan und Flächennutzungsplan nicht nur Parkplätze berücksichtigen muss, sondern auch die Anbindung an den Öffentlichen Personennahverkehr und die Einbeziehung ins Radwegenetz.

 

Aber: Es sind auch die Strukturen in unserem Inneren, die Zwänge schaffen, uns ans Auto fesseln:

 

Parkt ein Autofahrer auf einem Radweg, dann erregt das kaum Aufsehen, würde ich dagegen mein Fahrrad vielleicht nur kurz auf dem Fahrdamm für Autos abstellen, würde ich ein wütendes Hupkonzert provozieren.
Oder: Wer seine Blase ins Schwimmbadwasser entleert, gilt allgemein als Ferkel; wer laut röhrend seinen Hubraum per Auspuff in die
Atemluft entleert, gilt u. U. sogar als Held.
Es ist
der Schumi in uns allen, der uns immer wieder die Beurteilungsmaßstäbe vorgibt, der uns Waldsterben und schmelzende Polkappen verdrängen lässt. Wer Formel 1 und Benzin im Blut hat, dem ist der Weg zum nächsten Zigarettenautomat zu Fuß manchmal schon nicht mehr vorstellbar.
Unser Denken, Empfinden, Planen und Zeiteinteilen ist längst aufs Auto abgefahren
.
Fortbewegungsalternativen fallen uns immer seltener ein.
Das ist im Privaten so und wird durch die Globalsteuerung von Politik und Wirtschaft immer wieder neu verstärkt. Das schaukelt sich in einer dauernden Wechselwirkung hoch  -  zwischen der Denkfaulheit der Einzelnen und der Strukturfaulheit des großen Ganzen.
Bevor eine neue Bahnlinie reaktiviert wird, hat die Politik bereits zehn nagelneue Straßen gebaut  -  mit dem Argument: Die Leute wollen´s ja so (Auch wenn dies nicht ganz so stimmt. Wer von den Entscheidern schaut denn genau hin, warum die Leute eigentlich einen Bogen um die öffentlichen Verkehrsmittel machen. Und warum der öffentliche Verkehr anderwärts prächtig funktioniert, weil er attraktiv ist, weil Bus und Bahn vertaktet sind, weil die Haltestellen richtig liegen, weil er umsteigefrei organisiert ist?).

 

Lassen Sie mich schließen:

 

Wir freuen uns und bedanken uns, dass sich unsere Kirchen und alle, die mitziehen, auf einem wichtigen Feld so zukunftsoffen um die weitere Bewohnbarkeit unserer Erde bemühen. Nicht Untertan-Machen der Erde ist der biblische Auftrag, sondern gut mit ihr, gut von ihr und gut auf ihr leben. Nur dies ist gottgefälliges Leben.

 

Damit unterscheiden sich unsere Kirchen von manchen Fundamentalchristen im sog. Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Angesichts der sozialen und ökologischen Raubzüge ihrer neoliberalen Freunde scheint denen nur das Leben im Jenseits von Interesse und Bedeutung zu sein.

 

Ich wünsche allen Teilnehmern einen durchschlagenden Erfolg mit der Aktion „Autofasten“. Es gibt nicht nur Lebensqualität mit dem Auto, es gibt auch Lebensqualität ohne Auto. Beides sollten wir uns gönnen!

 

Und: Wie sagte gestern Abend der barocke Katholik Ottfried Fischer im Fernsehen: „Fasten hat eine kathartische Wirkung“; für Nicht-Griechen: Fasten reinigt."

 

Quelle: U. Mohr


Falls Sie Fragen haben, einfach anrufen. 

Kontaktadresse: BUND Regionalbüro Pfalz

oder senden Sie uns ein E-Mail: regionalbuero@bund-pfalz.de

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