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12.07.2004

 

Kies ab und Artenvielfalt aufgebaut

60 Flussseeschwalben brüten bei Hagenbach - In Südwestdeutschland einmaliges Umweltschutzprojekt

Den industriellen Bereich der Kiesaufbereitung hinter sich lassend, vorbei an saftigen Streuobstwiesen, am Naturschutzgebiet ¸¸Stixwörth" sowie am vorderen Rheindamm, ist sie zu erreichen: die geschützte Uferstelle zwischen Hagenbach und Neuburg im Kreis Germersheim mit dem besten Blick auf die drei künstlichen Inseln. Auf der linken brüten derzeit 30 Flussseeschwalben-Paare. Es ist die wohl einzige bedeutende Brutkolonie dieser seltenen Vogelart bei einem mitteleuropäischen Fluss.

Der regulierte Rhein selbst bietet freilich keinen Platz für die sensiblen Tiere, es ist ein nahe gelegener See. Die Speyerer Firma Silex-Normkies hat ihn 1971 angelegt und baut dort jährlich 300.000 Tonnen Kiessande ab. Seit den achtziger Jahren hat sie sich mit dem Naturschutzverband Südpfalz den Flussseeschwalben angenommen - für diese Kooperation gab es jetzt den Umweltschutzpreis des Bezirksverbandes Pfalz.

¸¸Das war keine Auflage, die haben wir freiwillig angelegt", sagt Silex-Geschäftsführer Jürgen Schwarz beim Passieren der Streuobstwiesen. Der Ingenieur, auch in der Stiftung Umwelt und Natur Rheinland-Pfalz engagiert, lässt keinen Zweifel zu: Seine Firma nimmt das Thema Umweltschutz ernst. ¸¸Was wir der Natur entnehmen, wollen wir ihr auf anderem Wege wieder zurückgeben", sagt er. ¸¸Dass der Kiesabbau parallel läuft, schließt Naturschutz nicht aus." Und die Behörden achteten darauf, nur relativ kleine Abbauflächen zu genehmigen und auf deren schnellstmögliche Rekultivierung zu pochen.

Die ¸¸Auskiesung" sei deshalb keine Ausbeutung, so Schwarz. In den Nachkriegsjahren sei dies oft noch anders gewesen: Für den Wiederaufbau wurden Schüttgüter en masse gebraucht, es musste schnell gehen. Einige Betriebe gerieten direkt nach den Baggerarbeiten in Insolvenz, ehe nur ein Bäumchen gepflanzt werden konnte. Auch an der Pfalz, nach der Eiszeit über den Rheingraben mit qualitativ hochwertigem, klein geriebenen Gletscher-Geröll ausgestattet, ging solches Gebaren nicht spurlos vorbei ...

Wenn Gerd Kümmel sein Fernglas aufstellt am Ufer des 40-Hektar-Sees, der in den kommenden 50 Jahren seine Größe fast verdoppeln wird, sind solche Probleme fern. Sofort sieht der Vorsitzende des Naturschutzverbands die ersten Schwalben mit schwarzen Käppchen, hinten rotem und an der Spitze schwarzem Schnabel umherfliegen. ¸¸Ein so genannter Panik-Aufflug - typisch, aber eigentlich nicht zu erklären", urteilt der Experte.

Seine ¸¸Schützlinge" sind sensibel, leben stets in Alarmbereitschaft, scheinen sich im Frühjahr auf ihrem Zug von Afrika in nördliche Gefilde - überwiegend bis zur Nordsee - auch gut zu überlegen, wo sie sich zum Brüten niederlassen. Eine der beiden natürlichen Inseln im Hagenbacher Kiessee, die anfangs speziell für ihre Bedürfnisse vorbereitet worden war, nahmen sie fast gar nicht an. Besser wurde es erst, als 1988 für über 10.000 Mark flache Kunststoff-Inseln angeschafft und bekiest wurden. Auf einem Speyerer Silex-See haben indes laute Badegäste einen ähnlichen Erfolg verhindert.

Es ist also wahrscheinlich eine Verkettung glücklicher Umstände, die in den vergangenen 20 Jahren bis zu 46 Flussseeschwalben-Brutpaare pro Saison nach Hagenbach zog. Der Betriebsleiter des Silex-Kieswerkes ist zugleich der Jagdaufseher des Areals und achtet darauf, dass niemand den geschützten Tieren zu nahe kommt. Rund 20 der 1700 Naturschutzverband-Mitglieder säubern alljährlich die Inseln - für die Schwalben ein weiterer wichtiger Wohlfühl-Faktor. Natürlich ist auch dabei das Kieswerk kooperativ.

Auch auf tierischer Seite ist das Naturschutz-Projekt mittlerweile ein großes Miteinander. Eisvögel und Uferschwalben graben Höhlen in die frischen Abbruchkanten am Ufer, seltene Schwarzmilane kreisen über dem fischreichen See. Kanadagänse, Bachstelzen und Flussregenpfeifer teilen sich mit den Schwalben friedlich die 200 Insel-Quadratmeter. Eine Vielfalt, wie sie hier zu Ackerbau-Zeiten fremd war. Kümmel und Schwarz wünschen sich deshalb an dieser Stelle ein Naturschutzgebiet, wenn der Kies zur Neige geht.

Lediglich acht ungezogene Weißkopfmöwen, wahrscheinlich die einzigen in der Pfalz, sorgen für Misstöne. Nicht nur, dass sie dieses Jahr die Seeschwalben von zwei der drei schwimmenden (und so auch im Polderbereich hochwassersicheren) Inseln vertrieben haben: Hin und wieder fällt ihnen sogar eines der kleineren Tiere zum Opfer.

Kümmel will dem künftig vorbeugen: Die Inselfloße sollen 2005 erst dann auf den See geschleppt werden, wenn die früher ¸¸anreisenden" Möwen sich schon auf natürlichen Zielen niedergelassen haben. Übrigens: Wenn die Inseln am Ufer sind, werden sie diesen Winter eine besonders gründliche Überholung nötig haben. ¸¸Der Frost hat ihnen zugesetzt", so Kümmel, der sich - auch wegen der langfristig nötigen Neuanschaffung - über Spenden freuen würde.

Infos unter www.naturschutzverband-suedpfalz.de

In einem SWR-Film über das Hagenbacher Biotop. ¸¸Von Seeschwalben und Sandwespen - Neue Heimat Kiesgrube" wird am 22. September, 13.15 Uhr, im dritten Programm ausgestrahlt.

Quelle:
Verlag: Rheinpfalz Verlag GmbH & Co. KG
Publikation: Pirmasenser Rundschau
Ausgabe: Nr.154
Datum: Dienstag, den 06. Juli 2004
Seite: Nr.12


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