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17.02.03

 

Rede von Ulrich Mohr, BUND auf der Friedensdemo in Landau am 15.02.2003

 

Zehntausende, ja Hunderttausende müssen vielleicht sterben, werden verstrahlt oder lebenslang krank  -  Amerikaner wie Irakis, Frauen, Kinder, Soldaten  -  bloß weil zwei Fundamentalisten aufeinander zurasen wie zwei Lokomotiven auf derselben Schiene; zwei Fundamentalisten, deren Gedankenwelt von erbarmenswürdiger Schlichtheit ist; deren absurdes Weltbild der Welt einen absurden Krieg aufzwingen will.

 

Der eine bekannt für die grausame Unterdrückung seines Volkes, der andere bekannt für haarsträubende Desinformation seiner schlecht informierten Nation;  der eine beherrscht von Egomanie und Machtbesessenheit, der andere beherrscht von religiösem Wahn und Weltbeglückungsphantasien, voll dumpfem Stolz auf 150 unterschriebene Todesurteile, an seinem Wesen soll unbedingt die Welt genesen.

Während der eine jedoch über ein Land herrscht, das am Ende ist, ist der andere auf dem Sprung, mit einem noch nie da gewesenen Militärapparat sich die Welt und ihre Reichtümer verfügbar zu machen.

Die Welt jedoch will nicht Opfer solcher Desperados werden. Die Welt will nicht unter den Trümmern dieser Allmachtsphantasten begraben werden. Die Welt will keinen Krieg, der nichts löst.

Die Welt hat genug von Kreuzrittern  und von Kreuzzügen. Kreuzzüge werden mit den edelsten Begriffen im Munde geführt und enden immer mit unermesslichen Blutbädern und schändlicher Raubgier. Kreuzzüge enden mit der Abschaffung der Zivilisation.

Und wenn die USA  -  ohne Rücksicht auf die Meinung der Völker, der UNO und der eigenen Verbündeten, unter Bruch des Völkerrechtes  -  ein schwer daniederliegendes, gequältes Land angreifen und mit Massenvernichtungsmitteln bis zur Unkenntlichkeit zerbomben, dann zerbomben sie die Zivilisation, vor allem die eigene; dann zerbomben sie Ordnungsprinzipien, die sich das alte Europa seit dem 18. Jahrhundert mühsam erarbeitet hat.

"Wenn die moralisch verwerfliche Arroganz sogenannter zivilisierter Völker eine international gültige Rechtsordnung verhindert, dann muss der öffentliche Gebrauch der Vernunft eine Gegengewalt schaffen" dieser Satz ist altpreußisches Urgestein, er kommt von dem großen Immanuel Kant, aus seinem Traktat "Zum ewigen Frieden". Die Gesinnung dieses Traktates ist das Fundament für all die Bündnisse, Abkommen und sonstigen multilateralen Formen des Miteinander-Auskommens, die sich die alten Völker des Westens mühsam erarbeitet haben. Europa hat seine Lektion aus der Geschichte gelernt, zu tiefst erschrocken über Hegemoniestreben, daraus entstandenen Hass und menschenverachtende Feindbilder, entsetzt über die Millionen von Toten, über die in Schutt und Asche gelegten Städte, geschockt von Schlachtfeldern mit Namen wie Verdun und Stalingrad.

Aus uns spricht kein Antiamerikanismus. Unser Respekt gegenüber Amerika bezeugt sich darin, dass wir Gebrauch machen vom Grundrecht auf freie Meinungsäußerung, dass wir die demokratischen Tugenden leben, die Amerika uns Deutschen vermittelt hat  -  nach Abschaffung unseres eigenen Diktators. Allerdings sind wir in Sorge, wenn wir sehen, dass sich bei einem Internierungslager auf Guantanamo Vergleiche aufdrängen mit Lagern, die es nach einer gewissen Machtergreifung in Deutschland gegeben hat; wenn wir sehen, wie PR-Agenturen damit beauftragt werden, Gräuelmärchen zu inszenieren, die frei erfunden sind  -  nur um Kriegsstimmung zu erzeugen. Wenn die Wahrheit offiziell abgeschafft wird, dann geht es ans Eingemachte der Demokratie. Auch Cowboyhüte sind nicht davor gefeit, sich ins Bräunliche zu verfärben.

Es gibt die zynische Behauptung, Krieg sei die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Auch ein Irak-Krieg wäre die Fortsetzung einer schon lange erkennbaren Politik; einer Politik, in der sich die Weltmacht USA im Verein mit Weltbank, Welthandelsorganisation und weltweit operierenden Konzernen die Erde untertan machen will; mit einer Politik, die die Erde sozial und ökologisch verwüsten könnte. Und dafür sollen Menschen präventiv sterben.

Menschen sollen sterben, damit ein Amerikaner weiter 20 Liter und mehr Sprit auf 100 Kilometern verprassen kann, damit er weiter seine Garage im Winter heizen und im Sommer kühlen kann, damit ein Amerikaner weiter fünfmal mehr Energie als ein Europäer und zwanzigmal mehr als ein Inder für sich in Anspruch nehmen darf.

Damit das alles so bleiben kann, muss eine "pax americana" die Welt "modernisieren", muss weltweit auf Teufel komm raus privatisiert werden. Auch darum geht es, dass am Ende einer globalen Flurbereinigung durch den Neoliberalismus z. B. von den Bahamas aus Preis und Qualität unseres Trinkwassers festgelegt wird, dass zukünftig Sponsoren über die Qualität unserer Schulen bestimmen können.

Marcos, Pinochet, Schah Reza Pahlevi, Somoza, Suharto, Mobuto und überhaupt nicht zuletzt Saddam Hussei: Dies sind willkürlich gegriffene Vertreter eines Gruselkabinetts, mit denen die eine oder andere US-Regierung die Welt "modernisieren" und "demokratisieren" wollte; das Ergebnis war immer dasselbe Desaster für die betroffenen Völker. Es ist nicht vergessen, wie Rumsfeld seinem Kumpel Saddam assistierte, während dieser Menschen mit Gas ins Jenseits beförderte. Amerikanische Regierungen sind Weltmeister im Produzieren von "Achsen des Bösen".

Wer soll da noch glauben, dass es beim Irak-Krieg darum geht, den Menschen des Nahen Ostens Freiheit, Frieden, Demokratie und Wohlstand zu bringen?

Es geht ums Öl, das allmählich in der Welt zur Neige geht:

Wir alle  -  und insbesondere auch unsere Regierungen  -  können und müssen unsere Glaubwürdigkeit im Kampf gegen den Krieg unter Beweis stellen; und das können wir dadurch tun, dass wir zu einem anderen Umgang mit der Energie kommen. Wir müssen vielfache Signale setzen, dass wir uns abkoppeln vom Erdöl. Ohne Abstriche an unserem Wohlstand wäre eine radikale  Verminderung des Ölverbrauchs möglich. Eine starke Lobby versucht das hartnäckig zu verhindern. Ein Weiter-So in der Energiepolitik: Auch das wäre Kriegstreiberei.

Ich wiederhole Immanuel Kant: Schaffen wir eine Gegengewalt "durch öffentlichen Gebrauch der Vernunft"!

Und noch eins:

Verteidigen wir amerikanische Werte gegen eine amerikanische Regierung!


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