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29. 08. 2002

 

Nach Elbehochwasser

 

Ein Ruck muss durchs Land gehen

 

„Aktion Blau“ auf Rheinauen ausdehnen. Landwirtschaft Angebote machen

 

Die Menschen am Rhein müssen sich einrichten auf immer häufigere und extremere Hochwasserereignisse. Hauptursache sind die klimatischen Veränderungen sowie die tiefgreifenden wasserbaulichen Eingriffe am Strom selbst und in seinem Einzugsgebiet:

 

Das Tempo einer Hochwasserwelle von Basel bis Karlsruhe wurde von 64 auf 23 Stunden verkürzt; 1000 Quadratkilometer Überschwemmungsfläche in diesem Bereich sind auf 130 Quadratkilometer geschrumpft; früher überschritt bei Köln der Pegel im Schnitt einmal im Jahr die Sieben-Meter-Marke, im Jahr 2002 soll das bereits sechsmal passiert sein. Hätte der Südwesten die Wassermassen Sachsens und Tschechiens abbekommen, wäre das Katastrophenszenario am  –  im Unterschied zur Elbe  -  völlig verbauten Rhein unvorstellbar geworden.

 

In den Schubladen von Politik und Verwaltung liegen durchaus gegeignete Konzepte zur Schadensbegrenzung; in Paragraph 32 des Wasserhaushaltsgesetzes  der Bundesrepublik Deutschland von 1996 heißt es:

 

Überschwemmungsgebiete sind in ihrer Funktion als natürliche Rückhaltefläche zu erhalten. ... Frühere Überschwemmungsgebiete, die als Rückhaltefläche geeignet sind, sollen so weit wie möglich wiederhergestellt werden ... . Im selben Sinne äußerten sich erst jüngst wieder die Fachleute des Berliner Umweltbundesamtes.

 

Die endliche und unverzichtbare Umsetzung dieser Gesetzeslage wäre Nachhaltigkeitspolitik im Sinne der Agenda 21; sie wäre Verknüpfung von Hochwasserschutz mit Natur- und Umweltschutz. Dies jedoch stößt nach wie vor auf fast unüberwindlich erscheinende Widerstände; schlimme Fehlentwicklungen gehen ungemindert weiter. Nach wie vor baut man in möglichen Retentionsflächen, die natürliche Flutung hat keine Priorität. Widerstände werden trotz aktuellen Leides, trotz Milliardenschäden nicht aufgegeben. Der Ruck, der durch die Hochwasserpolitik des Landes gehen müsste, bleibt aus.

 

Der BUND fordert daher eine konsequente Ausdehnung der „Aktion Blau“ auf den Rhein. In diesem Sinne hat die Organisation bereits in den 90er Jahren von Ingelheim bis zur Südpfalz detaillierte Vorschläge gemacht über mögliche Flächen für natürliche Retention durch Rückverlegung der Deiche, wo dies noch möglich ist. Damals kam man auf insgesamt 18 Einzelflächen von zusammen 78 Quadratkilometern und 116 Millionen Kubikmetern zurückhaltbaren Hochwassers bei einer Stauhöhe von 1,50 Metern. Diese Rückhaltekapazität ginge weit über das hinaus, wozu sich Rheinland-Pfalz vertraglich verpflichtet hat und das lediglich dazu da ist, die Bausünden des Staustufenausbaus am südlichen Oberrhein zu kompensieren. Alleine der pfälzische Abschnitt von Waldsee bis zum Lauterrückstau  würde 49 Quadratkilometer mit 73 Millionen Kubikmetern bringen.

 

Realisierbar wären diese zwar maximalen, aber machbaren Vorstellungen über einen schnellstens auszuhandelnden Solidarpakt zwischen Oberliegern und Unterliegern. Hierbei darf   -  gerade im Zeichen von Johannesburg  -  nicht gekleckert, sondern muss geklotzt werden. Billig wird das nicht, aber es würde allemal billiger als immer häufiger anfallende Entschädigungspflichten der Allgemeinheit. Dies belegt schnell ein Blick in die Schadenstabellen des aktuellen Rheinatlas der Internationalen Kommission zum Schutze des Rheines (IKSR).

 

Insbesondere der Landwirtschaft muss im Rahmen eines solchen Solidarpaktes zur Existenz- und Planungssicherung ein großzügiges Entschädigungsangebot gemacht werden. Denn sie müsste Gemeinwohllasten tragen, während bekanntermaßen Industrie und Kommunen immer noch natürlichen Überflutungsraum wegnehmen. Die EU steht bereit mit INTEREG für vorbeugenden Hochwasserschutz, dem LIFE-Programm für nachhaltige Bewirtschaftung von Grund- und Oberflächenwasser, mit LEADER plus wäre u. U. ein Pilotprojekt zu fördern.

 

Wie Hochwasserschutz durch natürliche Flutung und im Konsens mit der Landwirtschaft machbar sein könnte, sollte unbedingt und zügig im Raum Hördt durchprobiert werden.

 

Hochwasserschutz alleine durch Einrichtung von gesteuerten Poldern ist nicht nur unökologisch, er ist auch nur begrenzt effektiv: Polder sind wie Badewannen, die irgendwann vollgelaufen sind.  Bei natürlicher Flutung dagegen wächst  -  wegen Verbreiterung bei wachsendem Wasserstand  -  die Speicherkapazität oft exponentiell.

 

Die jetzt vorgenommene Umsetzung der EU-Wasserrahmenrichtlinie verlangt der Landesregierung einen Kraftakt ab, den es erst einmal zu bestehen gilt: Gefordert ist von nun an ein Einzugsgebietsmanagement, das in die ganze Fläche eines Fluss-/Bachsystems geht und nicht  -  wie bisher  -  völlig ineffektiv durch Verwaltungsgrenzen gefesselt bleibt.


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Kontaktadresse: BUND Regionalbüro Pfalz

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