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28.12.2004
Rostocker
Warnow Tunnel: Der
Modellfall droht zum Reinfall zu werden
Banken
befürchten Bankrott der Betreiberfirma des Rostocker Warnow-Tunnels - Deutlich
geringere Nutzung als kalkuliert
Das erste
private Fernstraßenprojekt Deutschlands, der Warnow-Tunnel in Rostock, steckt in
einer Finanzkrise. Nur 8500 statt wie einst geplant 30. 000 Fahrzeuge
durchqueren täglich die Verbindung zwischen Innenstadt und Hafen. Die Geldgeber
befürchten die Pleite der Betreiberfirma.
Nach dem Berliner Großflughafen, dessen Planung und Bau in
privater Regie bereits im Ansatz scheiterte, droht nun einem weiteren
Vorzeigeprojekt für privat finanzierte Infrastrukturmaßnahmen ein Debakel. Nach
einem Bericht der „Ostsee-Zeitung" könnte die Betreiberfirma des Warnow-Tunnels
schon im nächsten Jahr bankrott sein. Das Blatt zitiert dabei aus dem Protokoll
eines Krisentreffens zwischen Bund, Land Mecklenburg-Vorpommern und Vertretern
der 14 finanzierenden Banken in Bonn. Die Geldgeber halten demnach wegen der
viel zu geringen Nutzung des Tunnels die „Zahlungsunfähigkeit des Projektes
zwischen 2005/2006 auf der Basis derzeitiger Zusagen für unvermeidbar".
Der Warnow-Tunnel wurde erst im September vorigen Jahres von
Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe (SPD) feierlich eröffnet. Bauherr ist der
französische Bauriese Bouygues, der vor gut neun Jahren den Zuschlag für das
Musterprojekt erhielt. Zuvor hatte die damalige Regierung unter Helmut Kohl
erstmals per Gesetz die private Finanzierung von Bundesfernstraßen ermöglicht.
Rostock sollte glänzender Pilotfall für die Idee werden, drängende
Verkehrsprobleme angesichts staatlicher Finanznot durch private Betreibermodelle
zu lösen.
Die 790 Meter lange Röhre unter der Warnow, die Rostocks
Innenstadt mit Hafen und Autobahn auf der anderen Uferseite verbindet, hat 220
Millionen Euro gekostet. Die Franzosen sollen den Tunnel 30 Jahre lang betreiben
und aus den Mautgebühren von 1,50 bis 2,50 Euro pro Fahrzeug ihre Kosten
refinanzieren sowie einen stattlichen Gewinn erzielen. Ursprünglich war dem
Vernehmen nach eine Kapitalrendite von 17 Prozent veranschlagt. Von solchen
Profiten sind die Investoren weiter entfernt denn je.
Geplant waren einst 30 .000 Nutzer pro Tag. Dann sollten es
wenigstens 20 .000 sein. 13. 000 sind angeblich nötig, um laufende Kosten, vor
allem die Zinszahlungen, decken zu können. Mit nur 8500 Fahrzeugen steckt das
Projekt tief in der Verlustzone, zumal sich die Fertigstellung bereits um fünf
Jahre verzögerte und die Baukosten um ein Viertel höher ausfielen als geplant.
Dem Vernehmen nach liegen das Verkehrsaufkommen um 65 Prozent und die Erlöse
sogar um 75 Prozent unter den Vorgaben. Für Bouygues sind solch katastrophale
Zahlen indes nicht neu. Die Franzosen erlebten bereits beim Bau des Eurotunnels
ein Debakel.
Zuschuss aus Steuergeldern?
Auch für die Bundesregierung ist der drohende Reinfall beim
Modellfall peinlich. Schließlich laufen noch einige weitere private
Verkehrsvorhaben. Auch in Rheinland-Pfalz wird laut über Mautprojekte
nachgedacht. Im Hause Stolpe redet man die Probleme jedoch klein. „Mindestens
drei Jahre", so eine Sprecherin, „braucht das Projekt, um anzulaufen". Ansonsten
seien „die Betreiber in der Pflicht". Zu Informationen, die klammen Tunnelherren
verlangten bis zu 20 Millionen Euro Zuschuss pro Jahr, heißt es abwiegelnd,
davon sei „keine Rede".
Dafür verspricht das Ministerium, das die Maut per Verordnung
regelt, einen „flexibleren Gebührenrahmen". Vor allem Lastwagen sollen, so
Stolpe, durch eine geringere Maut - derzeit bis zu 17,50 Euro - in die Röhre
gelockt werden. Das widerspricht freilich den verkehrspolitischen Zielen der
Bundesregierung, durch höhere Straßennutzungskosten mehr Gütertransporte auf die
Schiene zu bringen.
Experten überrascht der drohende Fehlschlag in Rostock wenig.
Kritiker warnten seit Jahren vergeblich, dass sich der erste private Autotunnel
kaum rechnen kann. Denn die Hansestadt hat mit dem zügigen Anschluss per
Umgehungsstraße an die Ostseeautobahn A 20 ihre drängendsten Verkehrsprobleme
längst anderweitig beseitigt. Die meist nur geringe Zeitersparnis durch die
zweiminütige Tunnelfahrt ist daher den meisten Küstenbewohnern das Geld nicht
wert.
Schon die zuvor auf der Warnow verkehrenden Fähren schafften
nicht einmal die volle Auslastung von 8000 Fahrzeugen. Für den Frachtverkehr im
Überseehafen ist die Röhre ohnehin von geringer Bedeutung, da dieser direkt über
die Autobahn nach Berlin an das Hinterland angeschlossen ist. Bei den Investoren
gibt man sich inzwischen einsilbig. Schon zur Eröffnung verkündeten die
Franzosen, dass der Tunnel nun erst „nach sieben bis acht Jahren" die Gewinnzone
erreichen und sich über die gesamte Lizenzdauer dann auch rechnen soll. Ob das
mit den derzeitigen Gebühren und Nutzerzahlen sowie ohne Zuschüsse gelingt, ist
allerdings fraglicher denn je.
Das haben auch die Geldgeber bemerkt. Still und leise hat schon
vor einiger Zeit die australische Macquarie-Bank 70 Prozent bei der
Betreibergesellschaft Warnowquerung GmbH & Co. übernommen und damit das Sagen
beim Tunnel. Die Betreiber versuchen nun, durch politischen Druck die Hansestadt
dazu zu bewegen, den Verkehr auf den Durchgangsstraßen zu beschränken und
dadurch mehr Fahrzeuge in den Tunnel zu bekommen.
Vor genau dieser Entwicklung aber hatte der Verkehrsklub ADAC
bereits vor Jahren gewarnt und mit Klage gegen das Projekt gedroht. Auch deshalb
sind weitere schlechte Nachrichten von der Warnow schon gewiss.
Quelle:
Publikation: DIE RHEINPFALZ
Regionalausgabe: Pirmasenser Rundschau
Datum: Nr.286
Datum: Mittwoch, den 08. Dezember 2004
Seite: Nr.3
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