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21.01.2006
A u s w e g e aus der Sackgasse
Thesen des BUND zum Innovationskongress von Bündnis 90/Grüne in Mainz am 21.02.2006, Forum „Verkehr“
Vorbemerkung:
Wolfgang Tiefensee (Bundesverkehrsminister, in ZEIT-Interview vom 29. 12. 2005):
"Ich will Intelligenz a u f Beton“;
dagegen der BUND: „Intelligenz s t a t t
Beton“.
1.) Nachhaltige Mobilität in Deutschland ist machbar, wird aber z. Zt. nicht gemacht.
Grund: Das Bedürfnis von A nach B zu kommen, mischt sich mit einer Vielzahl von eher irrationalen und sachfremden Motiven (Prestige, Machtanspruch, Suchtverhalten u. a.). Eine Verkehrswende hat bisher in Deutschland - auch unter Rot-Grün - nicht stattgefunden.
Kontrastbeispiel hierzu:
In den größeren Städten der Schweiz decken inzwischen
ca. 50 Prozent der Haushalte ihren Mobilitätsbedarf ohne Nutzung des privaten
PKW, weil ihnen ein hinreichend attraktives alternatives Transportangebot zur
Verfügung steht. Der dortige Güterverkehr gelangt zunehmend auf die Schiene dank
flächendeckender und entsprechend hoher LKW-Maut.
Beides zusammen schafft
Arbeitsplätze, dient Umwelt und Gesundheit (Kommt dem entgegen, was in der
deutschen Verfassung in Artikel 2 als „Recht auf Leben und körperliche
Unversehrtheit“ zugesichert wird).
2.) Ein ganzes Faktorenbündel verhindert in Deutschland die Innovation und Anbahnung einer Verkehrswende:
Die seit langem nicht mehr belegbare Annahme, ein fortgesetzter Weiterbau des Fernstraßennetzes trage automatisch zu wirtschaftlichem Wachstum und allgemeiner Prosperität bei. Dadurch fließen Milliarden von Investitionsgeldern in den Fernstraßenetat (77,5 Mrd. EUR bis 2015), die für den Aufbau zukunftsfähiger Verkehrsalternativen fehlen. Auch die reine Baumaßnahme bringt der Region nichts; denn Baulose für Fernstraßen sind international auszuschreiben; für die heimische Bauwirtschaft bleiben einige wenige Kleinaufträge im Randbereich.
Ein veraltetes Planungssystem; dadurch wird der Bundesverkehrswegeplan (BVWP) zu einer unstrukturierten Addition von Straßen-, Schienen- und Wasserstraßenprojekten, herausgelesen aus den Wunschzetteln von Lokal- und Regionalpolitikern. Eine an Nachhaltigkeitszielen orientierte Gesamtverkehrsplanung findet nicht statt.
Stark überzogene
Verkehrsprognosen,
die ohne Berücksichtigung der demographischen Entwicklung, der
erkennbaren Tendenzen auf dem Energiemarkt sowie der Auswirkungen und der
Gestaltungsmöglichkeiten der LKW-Maut unrealistische Bedarfszahlen errechnen.
Grundlage für den laufenden
Bundesverkehrswegeplan ist ein Verkehrswachstum von 60 Prozent bei LKW und 20
Prozent bei PKW in 15 Jahren. Dem stehen ganz andere Tatsachen gegenüber.
Das Bundesverkehrsministerium veröffentlicht unter „Verkehr in Zahlen 2004/2005“
für die Zeit von 1999 bis 2003 für LKW 6 Prozent (entspricht einer Zunahme
von 1,5 Prozent pro Jahr) und 0 Prozent für PKW.
Ein Planungsrecht, wonach ein einmal in den BVWP als vordringlich aufgenommenes Fernstraßenprojekt ohne erneute Überprüfung in den nächstfolgenden BVWP übernommen wird und wonach die Vorgaben des Bedarfsplanes auch für die nachfolgenden Planungsstufen bis ins Detail bindend sind.
Eine fehlerhafte Abschnittsbildung im Fernstraßenbau, bei der Abschnitte ohne eigenen Verkehrswert, aber mit geringerem Konfliktpotenzial in die Planfeststellung aufgenommen werden. Diese Salamitaktik wird eingesetzt, um Widerstände gegen ein insgesamt unsinniges Projekt durch Vollendung von Tatsachen zu unterlaufen.
Durch sektorale Finanzierungsstrukturen verbleiben die bereitgestellten Mittel für ein Fernstraßenprojekt, das schließlich doch verhindert werden konnte, weiterhin im Straßenbau, indem sie in ein andernorts gewünschtes Fernstraßenprojekt fließen; für Verkehrsalternativen im gleichen Raum (Schiene, ÖPNV, Sanierung des vorhandenen Netzes etc.) stehen sie nicht zur Verfügung. Im selben Sinne dient auch das Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz vorwiegend Neu- und Ausbauinvestitionen, nicht aber der Optimierung bestehender Verkehrsangebote. Klassische Beispiele für diese sektorale und auf Neubau fixierte Förderstruktur sind z. B. die Projekte Rügendamm und die Berliner Stadtautobahn. (Der hoch umstrittene 4-spurige Ausbau der B 10 zwischen Landau und Pirmasens darf ca. 650 Millionen Euro kosten - für die Ertüchtigung einer parallelen Bahnstrecke auf RE- und Güterverkehrstauglichkeit ist kein Geld vorhanden.
3.) Nachhaltige Mobilität ist nur zu erreichen durch eine Reform im Planungsrecht und bei den Finanzierungsstrukturen:
Eine integrierte Verkehrsplanung muss ermitteln, ob das jeweilige Straßenprojekt die nach ökologischen, ökonomischen und sozialen Zielen beste Lösung darstellt. Untersuchungsgegenstand haben zu sein nicht nur Trassenalternativen, vor allem auch die Verkehrsmittel, die Optimierung des Netzes, Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung und Lärmsanierung sowie die Auswirkungen des Projektes auf die Siedlungs- und Raumentwicklung. Die umfassende Alternativenprüfung ist intramodal (im Straßenbereich) und intermodal, also verkehrsträgerübergreifend, durchzuführen. Alternativenprüfung hat stattzufinden, bevor wichtige planerische Vorentscheidungen getroffen sind.
Es muss Investitionsprioritäten geben für die Optimierung und Sanierung der bestehenden Verkehrsnetze und für eine gezielte Förderung umweltgerechter Mobilitätsangebote.
Hierbei müssen spezifische verkehrspolitische Handlungsschwerpunkte unterschieden werden: Ballungsräume, ländlicher Raum, Neue Bundesländer, grenzüberschreitender Güterverkehr, Kombinierter Verkehr etc…
4.) Insbesondere ländlichen und strukturschwachen Räumen wird mit immer mehr Zerschneidungen durch Autobahnen überhaupt nicht geholfen.
Vorteile
springen allerhöchstens für Ballungsräume heraus. Auf ländliche und
strukturschwache Räume üben großzügig gebaute Fernstraßen dagegen Sog- und
Entleerungseffekte aus
(vgl. dazu: Richard Junesch: Untersuchungen zur
Bedeutung der Verkehrserschließung für Standortqualitäten, Stuttgart 1996; Horst
Lutter: Raumwirksamkeit von Fernstraßen, Bonn 1980; Gather/Bartsch:
Forschungsbericht „Regionale Effekte des Fernstraßenbaus in den neuen
Bundesländern“, Erfurt 1999; verschiedene Studien des Beraterteams SACTRA beim
britischen Verkehrsministerium sowie die Studie „Jobmaschine Straßenbau?“ von
Winfried Schröder u. v. a. m.).
Solche überdimensionalen und Mittel
aufzehrenden Straßenprojekte be- und verhindern die Entwicklung des
Wirtschaftsfaktors Tourismus („Sanfter Tourismus“) und anderer Potenziale der
Regionen wie etwa der Ausbau von Betreuungseinrichtungen, die Einrichtung von
Fachhochschulen, die Förderung hochwertiger kultureller Einrichtungen oder die
Entwicklung herausragender unzerschnittener Naturräume:
Alles Faktoren zur
Anhebung der Lebensqualität durch Arbeit und anregendes Umfeld.
Die Durchsetzung z. B. der A 20 hat Mecklenburg-Vorpommern keine
wirtschaftliche Verbesserung eingebracht. Vgl. dazu auch die Lage im Saarland
oder im Ruhrgebiet; positiv dagegen die autobahnferne Schwäbische Alb.
5.) In diesem Sinne haben nach Raumordnungsgesetz (ROG) nicht mehr gleichartige Lebensverhältnisse Ziel der Raumordnung zu sein, sondern gleichwertige.
Nur so lassen
sich Arbeitsplätze, Wertschöpfung und Lebensqualität auch außerhalb von
Ballungsräumen halten und mehren.
Negativbeispiel:
Bau der
„Kanzlerautobahn“ aufgrund eines Wahlkampfversprechens zur Landtagswahl 2002
(Bedarf unter 15.000 durchschnittlicher täglicher Kfz).
6.) Ganz wesentliche Voraussetzung für das Gelingen einer Verkehrswende ist die Herstellung von Kostenwahrheit im Verkehr.
Die Preise im
Verkehr müssen endlich widerspiegeln, welche Kosten die Allgemeinheit für den
Verkehr zu tragen hat, und zwar einerseits für den Ausbau der Verkehrswege und
andererseits bei den ca. 100 Milliarden Euro pro Jahr für Verkehrstote,
Gesundheitsschäden, Naturzerstörung, Umweltverschmutzung und Klimaveränderung.
Das entspräche dem Geist des
„Weißbuches Verkehr“ der Europäischen
Kommission („Die europäische
Verkehrspolitik bis 2010“) von 2001 mit seiner Forderung nach
Einbeziehung der internen und externen Kosten des Verkehrs, was gut sei
nicht nur für die Umwelt, sondern auch für das Funktionieren des
europäischen Binnenmarktes.
Zahlen zum
Hintergrund:
Nach dem AASHO-Road-Test ist die
Straßenbeanspruchung proportional zur
4. Potenz der Achslasten.
Entsprechend schädigt ein
einziger 40-Tonner die Straßen
nach einer Studie der Universität Cambridge soviel wie 160.000 PKW
(andere sehen ein Verhältnis 1 :
60.000).
Im Schnitt liegen die
externen Kosten des Schienengüterverkehrs um den
Faktor 4
unter denen des
Güterstraßenverkehrs. Auf längeren Strecken liegen die Vorteile der Schiene
noch höher (vgl. Studie i. A. der Europ. Kommission): Auf der Strecke Frankfurt
– Mailand z. B. erzeugt der LKW 11-mal höhere externe Kosten.
7.) Ein erster Schritt in die richtige Richtung ist hier die Einführung der streckenbezogenen LKW-Maut.
Sie dient dem Ziel, Kostengerechtigkeit und faire Wettbewerbsbedingungen für umweltfreundliche Transportarten herzustellen. Die derzeitige Mauthöhe liegt noch weit unter den tatsächlichen Wegekosten der LKW. BUND-Forderungen dazu lauten:
Kontinuierliche Steigerung der Einstiegshöhe von 12,4 Cent pro Kilometer auf das Niveau der Schweiz
Staffelung nach Gewichts-, Schadstoff- und Lärmklassen;
Umweltbezogene Verwendung der Mautgebühren für eine umweltgerechte Weiterentwicklung des Gesamtverkehrssystems (Schiene, Kombinierter Verkehr, Lärmschutz, Sanierung);
Wirkungskontrolle im Zwei-Jahres-Rhythmus;
Langfristig flächendeckende Erhebung zur Verhinderung von Mautflucht und Anwendung auf alle LKW ab 3,5 Tonnen.
Das Schweizer Beispiel zeigt:
Auch bei einer Einstiegshöhe von ca. 36 Cent/km für einen 40-Tonnen-LKW kommt es
flächendeckend zu keinen Negativfolgen für die Gesamtwirtschaft und auf die
Verbraucherpreise.
Schätzungen des DIW:
Die Anteile der gesamten
Transportkosten am Wert des transportierten Gutes liegen für höherwertige
Güter deutlich unter 1 %, bei Einzelhandelsprodukten bei 0,8 %; bei einzelnen
transportintensiveren Produkten liegen sie etwas höher: rd. 3,9 % bei
Nahrungsmitteln und bei Getränken bei rd. 3 %.
Also: 10 % Steigerung der
Transportkosten bringen noch kaum Auswirkungen auf die Preisstruktur;
Beispiel Brotpreis: 1 Kilo Brot würde sich bei 20 Cent Fzkm und bei
unökologischen 1000 Kilometern Transportstrecke um 2 Cent verteuern.
Studie des Umweltbundesamtes: Eine reine Autobahnmaut von 25 Pfennigen Fzkm verteuert die Transportkosten für Speditiongüter im Nahverkehr um 1 % und im Fernverkehr um 7 %. Eine Mauthöhe von 40 Pfennigen verteuert zwischen 3,5 % und 12,5 %.
Folgende erwünschte Wirkungen der LKW-Maut sind zu erwarten.
Begünstigung des Nahverkehrs (einschl. kombinierter Verkehr)
Stärkung der Wettbewerbssituation der regionalen Wirtschaft
Stärkung regionaler Wirtschaftskreisläufe
Eine hohe Maut mit teilweiser Kompensation der Mautbelastung für das deutsche Speditionsgewerbe vermeidet und verlagert mehr Straßengüterverkehr auf die Schiene als eine geringe Maut (s. dazu die wettbewerbsverzerrenden Begünstigungen in den Heimatländern der ausländischen LKW).
Zwischen Flugzeug und Bahn herrscht kein fairer Wettbewerb:
Während die Bahn in 2004 Steuern und Abgaben auf Energie in Höhe von 380 Millionen Euro gezahlt hat, wird alleine der innerdeutsche Flugverkehr durch fehlende Energiebesteuerung mit 370 Millionen Euro indirekt subventioniert (vgl. 19. Subventionsbericht).
8.) Eine durchdacht eingeleitete Verkehrswende befördert nicht nur die allgemeine Lebensqualität.
Gegenüber einer permanenten Rationalisierungsdruck erzeugenden „Heuschreckenökonomie“ schafft sie langfristig Arbeit in vielen Dienstleistungsbereichen; auch der Bau, die Wartung und der Betrieb von Lokomotiven, Waggons und Gleisanlagen bringt Menschen nachhaltig in Arbeit und Brot.
Nach Heiner Monheim (Uni Trier) könnten bei passendem Angebot 50 Prozent der heutigen Autobesitzer Umsteiger auf den ÖV werden. Dies Angebot skizziert ein von dem Schweizer Hans Ulrich Kunz von der INNNOVA unlängst im elsässischen Colmar gehaltenes Referat:
Eine Mobilität „rund um die Uhr“ und „von Haustür zu Haustür“ bei geringeren Mobilitätskosten und „minimalen administrativen Erfordernissen“ sei möglich. Die wichtigsten technischen Voraussetzungen dazu seien bereits vorhanden. Jedoch Bahn, Bus und Straßenbahn verstehen sich noch viel zu sehr als „isolierte Transportanbieter“. Vielmehr müssten sie mit anderen öffentlichen Transportanbietern (Rufbus, Sharing, Taxi) gemeinsame Sache machen. So entstünde ein „Prozessdenken“ zur Herstellung einer integralen Transportleistung in Form von Mobilitätsketten.
Aufs Handy übertragbare „Haus-zu-Haus-Fahrpläne“ - wie schon heute im Internet vorfindbar - , inklusive GPS und in Verbindung mit einem Reservierungs-, Verrechnungs- (Prepay- oder Monatsrechnung) und Kontrollsystem zur Vermeidung von Schwarzfahrten würden die Sache ins Laufen bringen.
Nötig dazu wären „interdisziplinäre Teams“ zur Überwindung allgemein anzutreffender Widerstände aus Organisations- und Zuständigkeitsgründen.
Verkehrspolitischer und
ökonomischer Effekt solcher Teams:
Würde eine solchermaßen herbeigeführte
„Totale Mobilität ohne Auto“ in 10 Jahren nur 10 Prozent der Autos überflüssig
machen, käme es zu einer Verdoppelung des Verkehrseinkommens von Bahn,
Tram und Bus. Was wieder Arbeitsplätze und Attraktivitätssteigerungen
des Angebots erzeugen könnte.
9.) Es wäre eine wichtige soziale Aufgabe, durch den Ausbau des öffentlichen Verkehrs sozial Schwachen, Jugendlichen und der wachsenden Zahl von SeniorInnen volle Teilhabe an einer flächendeckenden Mobilität zu sichern.
Mehr Informationen unter:
www.bund.net/verkehr,
www.are.admin.ch (zu: die Rolle der Verbraucher),
www.begegnungszonen.ch und
www.modelcity.ch (zum Umgang miteinander zwischen Fußgängern, Radfahrern und
Autofahrern,
www.traffsim.com (zu. Totale Mobilität ohne Auto),
www.bahn-ville.net (zu: Gestaltung von Bahnhöfen und ihrer städtebaulichen
Umgebung),
www.rail-and-relax.de (zu: Mobilität in der Freizeit mit öffentlichen
Verkehrsmitteln).
Quelle: BUND Rheinland-Pfalz
Kontaktadresse: BUND Regionalbüro Pfalz
oder senden Sie uns ein E-Mail: regionalbuero@bund-pfalz.de
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