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06.11.02

 

Klimawandel vertreibt die Nordlichter unter den Moosen aus der Pfalz

 

BAD DÜRKHEIM. Es gibt Beweise für einen Klimawandel, ist Hermann Lauer überzeugt:

Moosarten, die noch vor einem halben Jahrhundert in der Pfalz verbreitet waren, gelten inzwischen als Raritäten. Allerdings darf nicht jeder Rückgang oder Vormarsch einer Pflanzenart dem Klima angelastet werden, warnt der Kaiserslauterer Moosexperte.

 

Nur Spezialisten werden mit dem Namen "Ptilidium ciliare" etwas anzufangen wissen. Allen übrigen sei gesagt, dass es sich dabei um eine Moosart handelt, die es, in schlichten Worten ausgedrückt, etwas kühler mag. Noch 1937 kam dieses Gewächs massenhaft im Rheintal vor. Heute muss Hermann Lauer lange suchen, bis er noch ein bescheidenes Vorkommen findet.

Auffallend viele Waldmoose, die wie "Ptilidium ciliare" ihren Verbreitungsschwerpunkt in Nordeuropa oder in den Gebirgen haben, befinden sich unübersehbar auf dem Rückzug, müssen sogar als gefährdet gelten. Demgegenüber tauchen immer mehr süd- und westeuropäische Moosarten auf, die bisher noch von niemandem in der Pfalz beobachtet wurden. Für den pensionierten Biologie- und Chemie-Lehrer des Kaiserslauterer Hohenstaufen-Gymnasiums sind das "zarte Hinweise" auf einen Klimawandel in Richtung zunehmender Erwärmung.

Lauers Einschätzung hat Gewicht: Seit etwa 40 Jahren haben es ihm nicht nur Schönheit und Formenvielfalt der Moose angetan. Vielmehr hat er auch einen Ruf als Experte zu verlieren: Über 30.000 Belegstücke von Moosen bewahrt er in seiner Sammlung auf, feinsäuberlich klassifiziert, beschriftet und sortiert. Neben 17.000 Belegen aus der Pfalz finden sich dort auch 13.000 Funde aus der ganzen Welt. Gerade erst hat ihm ein Bekannter ein seltenes Gewächs aus dem afrikanischen Wüstenstaat Mali zugeschickt. Zusätzlich kann Lauer noch die Sammlungen und Aufzeichnungen des Bad Dürkheimer Pollichia-Museums heranziehen, dessen Bestände zum Teil fast 200 Jahre alt sind.

Warnung vor Schnellschüssen

Allerdings warnt der Kaiserslauterer Moos-Spezialist auch vor gedanklichen Schnellschüssen: So manche Art steht in der Pfalz vor allem deshalb vor dem Aussterben, weil der Mensch ihren Lebensraum zerstört hat. Wenn Moore trockengelegt werden, trifft das auf solche Standorte angewiesene "Nordlichter" genauso wie wärmeliebende Arten.

Auch darf nicht jeder Siegeszug von Gewächsen, die typisch für südliche Gefilde sind, dem Klimawandel in die Schuhe geschoben werden: Manche Arten wie das "Lockige Gabelzahnperlmoos" gedeihen prächtig, weil ihnen der "Saure Regen" den Boden oder besser gesagt die Borke bereitet. Solche säureliebenden Pflanzen galten noch im 19. Jahrhundert hierzulande als echte Raritäten.

Außer Lebensraum-Zerstörung und Saurem Regen gibt es noch einen dritten Faktor, der mögliche Auswirkungen des Klimawandels überdeckt: Veränderte Bewirtschaftungsweisen in Forst- und Landwirtschaft. "Noch nie lag so viel morsches Holz im Wald herum wie heute", sagt Lauer. Denn im Unterschied zu noch vor wenigen Jahrzehnten lesen die Menschen nicht mehr jeden abgebrochenen Ast auf, um ihn als Brennholz zu verwenden. Auch das kommt bestimmten Moosarten zugute, die noch vor 150 Jahren äußerst selten anzutreffen waren.

Auch Professor Jörn Thiede, der Leiter des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung, der gestern in Bad Dürkheim zusammen mit Lauer und weiteren Fachleuten bei der Herbsttagung der Pollichia zum Thema Klimaentwicklung referierte, verweist auf widersprüchliche Entwicklungen: Während in den Alpen die Gletscher schmelzen, breiten sie sich in Norwegen aus. Allerdings rät Thiede bei aller wissenschaftlicher Zurückhaltung doch zu möglichst wenig künstlichen Eingriffen in unser Klimasystem. Denn schon Temperaturschwankungen von zwei oder drei Grad können zu Ernteausfällen und Katastrophen führen.

Quelle: RON - RHEINPFALZ ONLINE, Montag, 4. Nov , 03:45 Uhr


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