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27.08.2008

„Tirade der Ignoranz“

(Leserbrief zu SPIEGEL-Artikel Ausgabe Nr. 34 / 18.08.2008, Seite 126)

Die Lust an der Tirade und an salopper Sprache ist auch SPIEGEL-Autor Marco Evers nicht abzusprechen. So wie er sich in seinem Artikel mit der genkritischen Haltung von Prinz Charles auseinandersetzt, wird via britischem Thronfolger und mit dem Stilmittel platter Ironie eine Breitseite gegen alle Vorbehalte gegenüber Gen-Food vorgetragen. Schmerzlich meint man zu spüren, dass die fortschreitende Unterwanderung der Medien durch Konzernlobby-Interessen nun auch beim SPIEGEL angekommen ist.

Für Leute, die noch ansprechbar sind, ein paar Fakten:

·        Mit dem 114-Millionen-Hektar-Argument surft der Autor auf einer Superwelle, die jeden Widerstand unter sich begraben soll, aber dennoch in sich zusammenfällt, wenn man sie den knapp 94 Prozent der weltweiten landwirtschaftlichen Fläche gegenüberstellt, auf der Bauern konventionell wirtschaften.

·        25.436 deutsche Landwirte haben sich auf  877.000 Hektar freiwillig zu gentechnikfreien Regionen zusammengeschlossen. Sie tun dies zusammen mit 174 Regionen, Counties, Woiwodschaften, Departements, Regioni und 4500 lokalen politischen Gebietskörperschaften in der EU.

·        Gen-Saatgut ist teuer. In den USA ist z. B. Roundup Ready-Soja um 35 Prozent teurer. Das amerikanische Landwirtschaftsministerium stellt fest, dass Farmer mit Gen-Saaten keine höheren Erträge erzielen.

·        Ein mehrjähriges und großflächiges Freilandexperiment der britischen Regierung hat gezeigt, dass es durch genmanipulierte Pflanzen zu massiven Auswirkungen auf die Vielfalt von Wildkräutern und Insektenwelt kommt. Das bedeutet Verödung und fortschreitende Verarmung des gesamten Tierbestandes, insbesondere der Vogelwelt.

·        Durch Patentierung, Verbot des Nachbaus und Schnürung eines Paketes „Saatgut, Dünger, Biozid“ entsteht eine umfassende Knebelung, die aus freien Mittelständlern Vertragsangestellte international operierender Konzerne macht – oder diese gleich in Arbeitslosigkeit und Insolvenz treibt.

·        Den Welthunger wird die grüne Gentechnologie nicht abschaffen. Deren Angebot ist auf eine Landwirtschaft mit großflächigen Monokulturen zugeschnitten. In den Entwicklungsländern jedenfalls gibt es den erforderlichen hohen Mechanisierungsgrad  und das entsprechende Anbaumanagement überhaupt nicht. Massenarbeitslosigkeit wäre die Folge, wollte man Ländern mit um die 60 Prozent Arbeitsplätzen in der Landwirtschaft eine gentechnisch ausgerichtete Landwirtschaft überstülpen.

·        Das tiefe Misstrauen gegen die Heilsbotschaften der Gen-Multis wird gestützt durch zentrale Aussagen des Weltagrarrates in diesem Frühjahr.

Ulrich Mohr, 76879 Hochstadt (Rheinland-Pfalz)


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