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14.12.2006
Wo bleibt Zukunftsperspektive für heimische Landwirtschaft, Entwicklungsländer und Schmetterlinge?
MAINZ. Die Ludwigshafener RHEINPFALZ hat jüngst im zeitlichen Umfeld einer von Berlin angestrebten erneuten Revision des erst am 22. März d. J. verabschiedeten Gentechnikgesetzes ein groß angelegtes Interview mit dem für die grüne Gentechnologie zuständigen BASF-Vorstandsmitglied Peter Oakley veröffentlicht. Der BUND sieht sich in der Pflicht, gestützt auf allgemein zugängliche Fakten, einige wesentliche Aussagen des Konzernmanagers zurückzuweisen.
Oakley möchte mit dem Suggestivargument der großen Zahl Wirkung erzielen.
Doch die angeführten 90 Millionen Hektar für Gen-Anbau machen gerade mal sechs
Prozent der weltweit landwirtschaftlich genutzten Fläche von ca. 1,5 Milliarden
Hektar aus. Davon finden 75 Prozent des Anbaus in den USA und Argentinien statt;
China trägt lediglich 3,7 Prozent bei.
Oakley stellt die USA als Gentechnik-Paradies dar.
Dennoch:
Obwohl es in den USA weder eine Kennzeichnungspflicht noch eine
Koexistenzregelung und deswegen auch eine weit verbreitete Unkenntnis über
Gentechnikrisiken gibt, die keinesfalls als Akzeptanz ausgelegt werden darf,
zeigt sich auch dort, wenn auch zeitlich verzögert, immer mehr Widerstand gegen
gentechnisch veränderte Organismen (GVO). So ist es 2004 in Mendocino County,
Kalifornien, zu einer erfolgreichen Volksabstimmung gegen den Anbau von
Gen-Pflanzen gekommen.
Der Bundesstaat Vermont macht per Gesetz Gen-Firmen für Schäden haftbar; 110
Städte in den Neuenglandstaaten wollen Regelungen zur Anbaubeschränkung und
Kennzeichnung. Umfragen ergeben, dass die Skepsis bei der Bevölkerung der USA
ständig wächst; zwischen 2003 und heute ist sie von 27 auf 38 Prozent
angewachsen.
Es kommt bereits vor, dass Aktionäre von Gentech-Konzernen die Ausweisung
möglicher finanzieller Risiken im Bereich der Agro-Gentechnik in den
Finanzplänen verlangen.
Zu der Behauptung „Die Produkte sind sicher und bringen zusätzlichen Nutzen“, stellt der BUND folgendes fest:
Eine Begleitforschung über die Auswirkungen des Verzehrs genveränderter Pflanzen auf die menschliche Gesundheit existiert nirgendwo auf der Welt. Auch in der EU gibt es trotz verpflichtenden GVO-Monitorings kein Programm zur Erfassung toxischer, subtoxischer, chronischer oder allergener Wirkungen von GVO.
Gen-Saatgut ist teuer. In
den USA ist z. B. Roundup Ready-Soja um sage und schreibe 35 Prozent teurer.
Zudem kommt das amerikanische Landwirtschaftsministerium zu dem Ergebnis, dass
Farmer mit Gen-Saaten keine höheren Erträge erzielen.
Durch eintretende Resistenzen ist auf die Dauer auch
keine Einsparung bei Herbiziden
feststellbar.
Nachdem zunächst in den ersten drei Jahren sich der Einsatz von
Pflanzenschutzmitteln verringert, schnellen dann in den Folgejahren
Aufwandmengen und Kosten deutlich nach oben. Dass die Farmer dennoch zu
solchem Saatgut greifen, liegt an der eingetretenen Monopolstellung der
Gen-Saatgutkonzerne und an dem Umstand, dass Gentechnik die effizienteste
Methode zur Bewirtschaftung großflächiger Monokulturen ist.
Das bisher größte
Freilandexperiment überhaupt, das die britische Regierung in den Jahren 2000
bis 2002 auf 192 Flächen hat durchführen lassen, ermittelte massive
Auswirkungen auf die Vielfalt der Wildkräuter auf und neben dem Acker
sowie auf die davon abhängende Insektenwelt;
so zeigt z. B. Raps einen Rückgang um
44 Prozent bei Blütenpflanzen und um 39 Prozent bei Samen. (Ausnahme:
Lediglich bei Mais war im Vergleich kein Artenrückgang erkennbar, weil die
Kontrollfläche mit dem in der EU seit Oktober 2003 verbotenen Herbizit Atrazin
behandelt worden war).
Die Behauptung, dass der Gentechnik eine Vermehrung der
Schmetterlingspopulation zu verdanken sei, sollte Herr Oakley noch einmal
gründlich durchdenken.
Dass Koexistenz von Landwirtschaft mit und ohne Gentechnik auf Dauer unmöglich ist, hat die verheerende Entwicklung in Kanada, den USA und Argentinien längst bewiesen. Die Klage von ca. 1000 Biobauern in der kanadischen Provinz Saskatchewan gegen Monsanto und Bayer spricht für sich.
In diesen Ländern ist ablesbar, was den
kleinräumig arbeitenden europäischen Bauern blühen kann:
Durch Patentierung, Verbot des Nachbaus und die Schnürung eines Gesamtpaketes
„Saatgut, Dünger,
Biozid“ entsteht eine
umfassende Knebelung,
die aus freien Mittelständlern
Vertragsangestellte grenzenlos operierender Konzerne macht – oder diese gleich
in Arbeitslosigkeit und Insolvenz treibt.
Für den Welthunger
kann die grüne Gentechnologie überhaupt nichts
leisten:
Das Gen-Saatangebot ist ausschließlich auf eine Landwirtschaft zugeschnitten,
die mit großflächigen Monokulturen arbeitet, und nicht auf regionale Bedürfnisse
und kleinbäuerliche Strukturen in den Entwicklungsländern. Dort gibt es
überhaupt nicht den erforderlichen hohen Mechanisierungsgrad und das
entsprechende Anbaumanagement. Massenarbeitslosigkeit
wäre die Folge in Ländern, in denen um die 60
Prozent der Menschen in der Landwirtschaft arbeiten und Ersatz durch
industrielle Arbeitsplätze utopisch ist.
Zukunftsträchtiger ist, was aktuell 25.436 deutsche Landwirte in 94
Gentechnikfreien Regionen für 877000
Hektar beschlossen haben:
flächendeckender, freiwilliger
Verzicht auf Einsatz jeglichen industrieproduzierten Saatguts. Sie tun das im
Gleichschritt mit 174 Regionen, Counties, Woiwodschaften, Departements Regioni
und 4.500 lokalen politischen Gebietskörperschaften in der Europäischen Union.
Entlarvend und irreführend ist schließlich der unsägliche Vergleich Oakleys von heutigem Roggen mit dem von vor 100 Jahren. Hierbei setzt er traditionelle Pflanzenzüchtung offenbar gleich mit der von Gentechnologen betriebenen Übertragung isolierter Einzelgene von einer Art in die andere. Diese Aussage dürfte nicht den Informationsstand eines ausgewiesenen Experten widerspiegeln.
Quelle: BUND Rheinland-Pfalz
Kontaktadresse: BUND Regionalbüro Südpfalz
oder senden Sie uns ein E-Mail: [email protected]
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