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31.12.2002
BUND zur Jahreswende: Ökologische Janusköpfigkeit der Landespolitik
Schwerpunkte 2003:
Agrarwende, Klimawende
MAINZ. Das Land Rheinland-Pfalz braucht Nachhaltigkeitsanstrengungen in allen
Ressorts. Umso besorgniserregender ist daher der Trend zu einem immer spürbarer
werdenden Spagat zwischen einigen Hoffnung machenden Bemühungen der
Umweltministerin und den Zielen des Wirtschafts- und Verkehrsministeriums. Eine
Umweltpolitik aus einem Guss kennt die rheinland-pfälzische Regierung nicht. So
die BUND-Landesvorsitzende Heide Weidemann zur Jahreswende 2002/2003.
Dabei wäre es dringend erforderlich, in konzertierter Form
zu reagieren auf zwei durch das Statistische Landesamt gemeldete alarmierende
Entwicklungen:
Den bis 2050 eintretenden Bevölkerungsrückgang im Land um ca.
eine Million Menschen und gleichzeitig
den weiter ungebremst steigenden Flächenverbrauch, der z. Zt. bei
durchschnittlich 54.000 Quadratmeter pro Tag liegt und bei unveränderter
Fortdauer bis zum Ende dieses Jahrhunderts wohl sämtliche Äcker, Wiesen, Wälder
und Naturlandschaften unter sich begraben haben dürfte.
Diesen widersprüchlichen Trends verantwortungsbewusst entgegenzutreten, hieße
z. B. Abstand zu nehmen von Milliarden verschlingenden Straßenprojekten oder
überdimensionierten Siedlungsflächen, die bereits von der nächsten Generation
gar nicht mehr benötigt werden.
Da stimmt hoffnungsvoll, wie Ministerin Conrad in Johanniskreuz mit dem
geplanten “Haus der Nachhaltigkeit“ ein Demonstrationsobjekt für
ein “Netzwerk der Nachhaltigkeit“ im Biosphärenreservat Pfälzerwald
vorbereitet, das gut und gern als gelungener Gegenentwurf zum sterilen Fischbacher
“Glaspalast“ gesehen werden darf. Die hier zum Zuge kommende Baustoff- und
Energie-Philosophie wird sicher beispielgebend sein für ein zukünftiges
ökologisches Bauen.
Auch die vorgesehene Umsetzung der Wasserrahmen-Richtlinien der EU ist
ein ermutigendes Zeichen, aus dem sich neue Impulse für die Umweltpolitik
ergeben können. So werden hoffentlich bald verbaute Gewässer wie z. B. die
Lahn renaturiert und für den Lachs wieder passierbar gemacht.
Dinosaurier-Planungen wie z. B. die Talsperren in den Zuflüssen der Nahe müssen
aus den Regionalplänen verschwinden.
Die Dialogfähigkeit der Ministerin zeigt sich auch in dem jüngst an die
Landwirtschaft gemachten Bündnisangebot. Dieses Angebot sollte im Lichte neuer
Brüsseler Denkansätze unbedingt aufgegriffen werden. Denn nur im
Zusammenwirken von Landwirtschaft und Naturschutz dürfte es ein Chance
geben für die Erhaltung zahlreicher bäuerlicher Arbeitsplätze in Westrich,
Eifel, Hunsrück und Westerwald. Konsequent wäre daher die unverzügliche
Nachmeldung größerer landwirtschaftlicher Nutzflächen für das europaweite
Schutzgebietssystem Natura 2000. Leider ist es ja so, dass verlorene
Arbeitsplätze bei der Großindustrie immer ein Thema sind, bei der
Landwirtschaft machen sie in der Regel keine Schlagzeilen.
Im Übrigen ganz im Sinne des BUND ein Hoffnungszeichen sind auch die Pläne
der BASF für ein modernes erdgasbefeuertes Kraft-Wärme-Kopplungs-Kraftwerk.
Hiermit bestätigt der Konzern die ökologische Steuerreform, zudem sichert er
Konkurrenzfähigkeit und Arbeitsplätze.
An der Messlatte Nachhaltigkeit gemessen gleicht dagegen die Verkehrs- und
Wirtschaftspolitik des Landes einem rostigen, einwandigen Öltanker, der
offenbar unbeeinflussbar weit draußen seine Bahn zieht, ohne wahrnehmen zu
wollen, welches Risiko er darstellt für sensible, feingliedrige Landstriche im
Küstenbereich, die weiter blühende Landschaften bleiben sollten.
Zukunft und Ressourcen von Rheinland-Pfalz liegen am wenigsten im Milliarden
und Landschaften verschlingenden Bau von immer neuen Landepisten und LKW-Rennstrecken
für den Europatransit. Zukunft ist auch machbar mit seinem gewerblichen
Mittelstand, seinen reizvollen und entwicklungsfähigen Tourismusregionen,
seinen noch nicht verödeten ländlichen Räumen. Für diese oft vernachlässigten "Jobmaschinen"
(Bauckhage) fehlen die Millionen, die auf dem Hahn, in Zweibrücken, im
Straßenbau derartig freigiebig verbetoniert werden, dass noch nicht einmal
die Instandhaltung des bestehenden Straßennetzes gesichert ist.
Der BUND Rheinland-Pfalz sieht berechtigte Hoffnungen, dass in seinem Verfahren
vor dem OVG Koblenz am 9. Januar 2003 dank Europarecht ein Urteil
fallen wird, das den Hochmoselübergang im Zug der B 50(neu) verbietet. Dennoch
sieht er Anlass zu der Befürchtung, dass das Land mit juristischen Winkelzügen einen
Trick finden wird, um die von Anfang an bekämpfte schädliche und überflüssige
Trasse A 60/B 50 (neu) für weitere Hunderte Millionen Steuergelder
durchzusetzen. Ein ganzes neues Straßennetz aus dem Boden zu stampfen nur
für einen Billigflieger und ein kaum genehmigungsfähiges Flughafensystem, das
geht zu weit.
In Ramstein und Spangdahlem sind enorme Umweltzerstörungen und
Belastungen für die Menschen geplant, weil angeblich nur so Arbeitsplätze
geschaffen oder erhalten werden können. In Wirklichkeit ersetzen die Amerikaner
immer mehr deutsches Personal durch eigene Kräfte (bundesweiter Rückgang in den
90er Jahren von 61.000 auf knapp 17.000 Arbeitsplätze). Warum dann solche
Belastungen zulassen? Aus triftigen Gründen hat daher der BUND Rheinland-Pfalz
im Fall Ramstein wegen massiver Verstößen gegen geltendes Recht Beschwerde
bei der EU-Kommission in Brüssel erhoben.
Sehr schwer wird es den Verkehrsplanern fallen, in der Südpfalz ca. 4
große Fernstraßenprojekte durchzuziehen, wo den BUND ungefähr 10 schlagkräftige
Bürgerinitiativen in seinem Widerstand unterstützen - mit dem Erfolg, dass
eine wachsende Zahl von Kommunalparlamenten sich gegen diese Vorhaben
ausspricht. Sollten sie realisiert werden, wäre die "Toskana
Deutschlands" nicht wieder zu erkennen.
In der Landwirtschaft sollte bei der Verteilung von Mittel für
Agrarumweltmaßnahmen an den sog. integrierten Anbau Schluss sein mit
dem Gießkannenprinzip. Wer hierfür staatliche Unterstützung möchte, muss
sich in Zukunft an deutlich höheren Standards messen lassen als an denen der
ordnungsgemäßen Bewirtschaftung.
Das Jahr 2002 mit seinem Hochwassersommer, seiner Tankerkatastrophe,
seinen Castor-Transporten, seiner Pannenserie um das AKW Philippsburg,
dem neuesten Waldschadensbericht und den kümmerlichen Ergebnissen von Johannesburg
hat zur Genüge gezeigt, dass alle Anstrengungen, das Thema Umwelt von der
Tagesordnung zu nehmen, auch im Jahr 2003 vergebliche Mühe bleiben werden.
Der BUND hat sich für absehbare Zeit die Themen Agrarwende und Klimawende
als Schwerpunktthemen gewählt.
Äußerste Wachsamkeit geboten ist auch angesichts hartnäckiger Versuche, die Privatisierung
umweltsensibler Geschäftsfelder wie z. B. bei der Trinkwasserversorgung
voranzutreiben. Hierbei würden auch in unserem Land nicht mehr vom Volk
gewählte Gremien über die Qualität des Lebensmittels Wasser entscheiden,
sondern anonyme Aktionärsversammlungen. Eine ganz gefährliche Rolle spielen
hierbei hochaktuell die von den Regierungen geheim gehaltenen GATS-Verhandlungen;
GATS bedeutet "General Agreement on Trade in Services" Ziel
ist, Dienstleistungsbereiche wie Trink- und Abwasserversorgung, Gesundheit,
sogar Bildung - unter Ausnutzung der Finanznöte von Kommunen und Staat -
dem Gewinnstreben großer, von nationalen Regierungen nicht mehr
kontrollierbarer internationaler Konzerne zu überlassen. Die üblen Folgen von
so etwas können in Großbritannien und in zahlreichen Ländern der Dritten Welt
besichtigt werden.
"Wir können nicht ständig an dem Ast sägen, auf dem wir alle sitzen,
bloß weil im Augenblick der Markt für Sägespäne besonders günstig ist", so
ein Sprecher des BUND.
Kontaktadresse: BUND Regionalbüro Pfalz
oder senden Sie uns ein E-Mail: [email protected]
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